Die digitale Transformation der Justiz ist längst keine Frage mehr des Ob, sondern des Wie. Gerichte, Staatsanwaltschaften und Justizverwaltungen in ganz Europa investieren bereits in elektronische Akten, digitale Dienstleistungen, interoperable Systeme und neue Technologien.
Doch eine grundlegendere Frage rückt zunehmend in den Mittelpunkt: Was braucht es, um digitale Ambitionen in die operative Realität umzusetzen?
Diese Frage steht im Zentrum des Casedoc Swiss Justice Forum 2026, das am 20. Oktober im KKL Luzern stattfindet. Führungskräfte und Fachpersonen aus der Schweizer Justiz, der öffentlichen Verwaltung, der Technologiebranche und internationalen Digitalisierungsinitiativen kommen zusammen, um zu diskutieren, welche operativen Grundlagen die nächste Generation der digitalen Justiz benötigt.
Digitale Justiz braucht ein operatives Rückgrat
Wenn über digitale Justiz gesprochen wird, stehen häufig einzelne Technologien im Vordergrund: elektronische Eingaben, digitale Fallakten, Portale, Interoperabilität oder künstliche Intelligenz.
Diese Fähigkeiten sind wichtig. Doch Technologie allein schafft noch kein digital leistungsfähiges Justizsystem.
Hinter jeder erfolgreichen digitalen Dienstleistung stehen Prozesse, Verantwortlichkeiten, Informationsflüsse, Governance-Strukturen und Menschen, die zusammenarbeiten. Deshalb gewinnt das Konzept eines gemeinsamen operativen Rückgrats zunehmend an Bedeutung.
Ein solches Rückgrat verbindet die verschiedenen Teile des Justizökosystems und ermöglicht es, Abläufe über organisatorische und technologische Grenzen hinweg zu gestalten – ohne neue Silos zu schaffen.
Am Swiss Justice Forum beleuchten Lesley Franck, Vice President bei Canalix – Casedoc, und Marcus Groß, VP Go-to-Market bei Canalix – Casedoc, was dies in der Praxis bedeutet und weshalb die nächste Generation der Schweizer Justiz eine gemeinsame operative Grundlage benötigt.
Es geht nicht darum, sämtliche bestehenden Systeme zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, die Grundlage zu schaffen, auf der Systeme, Prozesse und Menschen nahtlos zusammenwirken können.
Was verändert sich in der Schweizer Justiz?
Der Veränderungsdruck entsteht nicht allein durch technologische Entwicklungen.
Justizorganisationen stehen vor einer Kombination aus steigenden Fallzahlen, begrenzten Ressourcen, veränderten Erwartungen von Bevölkerung und Fachpersonen sowie der rasanten Entwicklung neuer Technologien wie künstlicher Intelligenz.
Am Forum wird Jacques Bühler, Strategic Consultant in der Schweiz, die Kräfte beleuchten, welche die Schweizer Justiz prägen, und die Entscheidungen diskutieren, die ihre Fähigkeit beeinflussen werden, auch in Zukunft zeitnah und qualitativ hochwertige Justizleistungen zu erbringen.
Die zentrale Herausforderung lautet daher nicht nur:
«Wie können wir einen weiteren Prozess digitalisieren?»
Sondern vielmehr:
«Wie schaffen wir ein Justizsystem, das in einem zunehmend digitalen Umfeld wirksam funktionieren kann?»
Wo steht die Schweiz auf ihrem Weg zur digitalen Justiz?
Transformation setzt auch ein ehrliches Verständnis des Ausgangspunkts voraus.
Am Swiss Justice Forum werfen Christophe Koller, Projects Director bei ESEHA, und Marcus Groß einen datenbasierten Blick auf den Digitalisierungsstand der Schweizer Justiz.
Anhand kantonaler Profile, Dashboards, Fallzahlen und vergleichender Daten wird untersucht, wie unterschiedlich die Schweizer Kantone organisiert sind und wo sie in ihrer digitalen Entwicklung stehen.
Diese Perspektive ist gerade im föderal geprägten Justizsystem der Schweiz von besonderer Bedeutung.
Unterschiedliche Institutionen verfügen über unterschiedliche Strukturen, Prioritäten, Technologien und digitale Reifegrade. Diese Unterschiede zu verstehen, ist entscheidend, um Transformationsansätze zu entwickeln, die realistisch und umsetzbar sind – statt lediglich theoretischen Idealvorstellungen zu folgen.
Von vernetzten Systemen zur Justizplattform
Interoperabilität ist ein weiterer zentraler Bestandteil der Diskussion.
Damit digitale Justiz über institutionelle Grenzen hinweg funktioniert, müssen Systeme miteinander kommunizieren können, Informationen sicher ausgetauscht werden und Organisationen auf einer vertrauenswürdigen Grundlage zusammenarbeiten.
Valdís Björk Friðbjörnsdóttir, CTO bei Canalix – Casedoc, widmet sich dieser Herausforderung in ihrem Vortrag:
«Introducing Judicial Platforms: From Rigid to Flexible Systems»
Die Diskussion geht dabei über die rein technische Integration hinaus.
Eine Justizplattform benötigt ebenso Governance und Vertrauen. Sie schafft einen Rahmen, in dem Prozesse, Informationen und digitale Dienstleistungen über organisatorische und technologische Grenzen hinweg miteinander verbunden werden können.
Das Ziel ist ein stärker vernetztes Justizökosystem, das Interoperabilität, digitale Souveränität und Zusammenarbeit unterstützt.
Transformation muss kein risikoreiches Grossprojekt sein
Eine der grössten Herausforderungen bei Technologieprojekten im öffentlichen Sektor ist die Vorstellung, dass Transformation zwangsläufig einen umfassenden Systemersatz erfordert.
Doch es gibt einen anderen Ansatz.
Am Forum präsentiert Lesley Franck «The Risk-Free Approach to Justice Transformation». Der Vortrag zeigt, wie Justizorganisationen ihre Abläufe schrittweise modernisieren können – mit messbaren Verbesserungen, ohne sich unmittelbar auf umfangreiche und risikoreiche Transformationsprogramme festlegen zu müssen.
Der Fokus ist bewusst praxisorientiert:
Was könnte eine Justizorganisation innerhalb von 90 Tagen konkret verbessern?
Dieser Ansatz versteht Transformation nicht als einmaliges Grossprojekt mit einem weit entfernten Ziel, sondern als Abfolge erreichbarer Verbesserungen.
Organisationen können dadurch frühzeitig Mehrwert schaffen, Erfahrungen aus der Umsetzung gewinnen und die Transformation schrittweise vorantreiben, ohne die gesamte Organisation von Beginn an an ein einziges umfassendes Technologieprogramm zu binden.
Island: Von der digitalen Vision zur operativen Realität
Ein besonders anschauliches internationales Beispiel am Forum kommt aus Island.
Kolbrún Eir Óskarsdóttir, Specialist im isländischen Ministerium für Finanzen und Wirtschaft, präsentiert Islands Weg von der digitalen Vision hin zu einer vernetzten operativen Realität.
Im Mittelpunkt steht das isländische Justizportal (Réttarvörslugátt), das Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichtsinstanzen über einen gemeinsamen digitalen Prozess miteinander verbindet.
Die Bedeutung dieses Beispiels geht weit über die Technologie hinaus.
Es zeigt, was möglich wird, wenn Institutionen, Prozesse und Menschen durch eine gemeinsame digitale Grundlage verbunden werden.
Und die Transformation geht weiter: Zu den zukünftigen Entwicklungen gehört die digitale Zustellung offizieller Dokumente und Mitteilungen an Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen.
Für die Schweiz bietet die isländische Erfahrung die Gelegenheit, über einzelne Digitalisierungsprojekte hinauszublicken und eine grundlegendere Frage zu stellen:
Was lässt sich von Justizsystemen lernen, die den Schritt von einzelnen digitalen Dienstleistungen hin zu vernetzten digitalen Abläufen bereits vollzogen haben?
Das nächste Kapitel der digitalen Schweizer Justiz
Die Diskussionen am CASEDOC Swiss Justice Forum weisen auf einen grundlegenden Wandel im Verständnis digitaler Justiz hin.
Die erste Phase der digitalen Transformation war vor allem durch die Digitalisierung einzelner Prozesse geprägt.
Die nächste Phase wird davon bestimmt sein, das Justizökosystem miteinander zu verbinden.
Das bedeutet, folgende Elemente zusammenzuführen:
- Menschen – Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, Gerichtsmitarbeitende, Anwaltschaft, Verwaltung und Bevölkerung
- Prozesse – von Eingaben und Fallmanagement über Entscheidungen und Kommunikation bis hin zur Vollstreckung
- Institutionen – Gerichte, Staatsanwaltschaften, Polizei und öffentliche Verwaltung
- Informationen – damit die richtigen Informationen sicher und zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind
- Technologie – damit bestehende und neue Systeme miteinander arbeiten können
- Governance – mit den notwendigen Strukturen und dem Vertrauen, das eine vernetzte Justiz voraussetzt
Genau dafür steht ein operatives Rückgrat.
Nicht für eine weitere isolierte Anwendung. Nicht für Technologie um ihrer selbst willen.
Sondern für die Grundlage, auf der digitale Fähigkeiten als Teil eines funktionierenden Justizsystems zusammenwirken.
Von der Vision zur Realität
Die Zukunft der Schweizer Justiz wird nicht allein durch Technologie gestaltet. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Strategie, Governance, operativer Gestaltung, Technologie und Zusammenarbeit.
Das Casedoc Swiss Justice Forum 2026 bringt diese Perspektiven in einer gemeinsamen Diskussion zusammen – vom aktuellen Stand der Schweizer Justiz und ihrer digitalen Reife über Plattformansätze und pragmatische Transformation bis hin zu internationalen Erfahrungen aus Island.
Die Frage ist nicht mehr, ob die Justiz digital werden soll.
Die entscheidende Frage lautet:
Welche operative Grundlage macht digitale Justiz heute und für die nächste Generation wirklich möglich?
Diese Diskussion führen wir am 20. Oktober 2026 in Luzern weiter.
CASEDOC Swiss Justice Forum 2026
20. Oktober 2026 | 09:00–14:30 Uhr
KKL Luzern, Schweiz